19. Oktober 2017

"Es ist gemeinsame Aufgabe unserer Gesellschaft, die Menschen für die Arbeitswelt fit zu machen"...

...sagt Bosch-Geschäftsführer Christoph Kübel im Gespräch mit Zeit Online. Wichtig sei dies angesichts des Wandels in der Arbeitswelt und die Bedeutung der Roboterisierung bei Bosch. Besonders interessant sind zwei Passagen, hier die erste:

"Kübel: Unsere Vision ist auf jeden Fall nicht die menschenleere Fabrik. Die Kombination von Menschen und Robotern bringt die besten Ergebnisse. In der Fertigung müssen wir jeden Tag neue Lösungen finden und gemeinsam mit Kollegen Abläufe optimieren. Das kann der Mensch viel besser als jeder Roboter. In einigen Werken haben wir bereits sehr weit automatisiert. Dort zeigt sich, dass wir produktiver werden bei gleichbleibender Zahl an Arbeitern. Und nicht zu vergessen: Arbeit stiftet auch Identität."

Die Bemerkung am Ende ist es, auf die ich aufmerksam machen möchte. In der Tat hat das Tätigsein, auch in der Form von Erwerbstätigkeit, eine große Bedeutung, und zwar aus mehreren Gründen:

1) In der Auseinandersetzung mit einer Sache, hier einer Aufgabe am Arbeitsplatz, macht der einzelne Erfahrungen nicht nur mit einer Sache, sondern an der und durch die Sache auch mit sich. Er erfährt darin viel über sich selbst durch diese Auseinandersetzung. Zugleich ist das Bewältigen einer Aufgabe eine Erfahrung des Gelingens, heute oft mit dem Schalgwort "Selbstwirksamkeit" benannt. Erfahrungen im Sinne von "ich bin dazu oder zu etwas fähig" sind von großer Bedeutung für unsere Welt- und Selbstwahrnehmung.

2) In der Auseinandersetzung mit einer Sache trage ich etwas zum Zweck des Unternehmens bei, für das ich tätig bin, es entsteht so etwas wie ein gemeinsames Werk.

3) Der Einzelne folgt und bekräftigt eine Norm, die in der politischen Vergemeinschaftung, in der er lebt bzw. der er angehört, in Geltung ist. Die Normbefolgung ist zugleich eine Normbekräftigung - der Einzelne trägt damit zum Gemeinwohl bei. Nun sind diese Normen nicht etwas uns Äußerliches, Bildungsprozesse im Zuge der Sozialisation vollziehen sich an Regeln und Normen. Normen sind immer konkret und nicht abstrakt, sie bestehen in einer konkreten Vergemeinschaftung und werden von bestimmten Überzeugungen getragen, die in verschiedenen Ländern ebenso verschieden sind.

4) Nun gilt es aber den spezifischen Zusammenhang zu beachten, um den es hier geht. Das Tätigsein ist bedeutend, das bleibt, aber unter welchen Bedingungen? In Sozialbeziehungen, in denen der Einzelne der Bewältigung von Aufgaben zu dienen hat, wird sein Beitrag genau daran gemessen, ob er der Aufgabe dienlich ist. Falls das nicht der Fall ist, wird er nicht weiterbeschäftigt (oder besser: sollte nicht weiter beschäftigt werden). An seine Stelle tritt ein anderer Mitarbeiter oder eine Maschine. Er ist also im besten Sinne austauschbar, nicht als Mensch, aber als Mitarbeiter. Wie könnte das nun mit seiner Identität zusammenhängen? Die Fähigkeiten, die jemand hat oder entwickelt, sowie die Erfahrungen, die er macht, zeichnen ihn als Person aus. Sie kann man ihm nicht nehmen, allenfalls kann man ihre Entfaltung behindern oder zu unterbinden versuchen. Was Kübel sagt, gilt also nur für letzteres, nicht aber für den Arbeitsplatz als solches, denn sonst dürfte niemals ein Mitarbeiter entlassen oder ausgetauscht werden. Genau das aber, dass er ausgetauscht wird, ist Alltag, er gehört zu modernen Arbeitszusammenhängen und erlaubt es erst, dass diese in Absehung von Personen fortbestehen können.

Die Identität, die Kübel meint, ist nicht von einem Arbeitsplatz abhängig, sondern davon, sich tätig entfalten zu können.

Weiter sagt er:

"ZEIT ONLINE: Was ändert sich für Ihre Angestellten?  
Kübel: Es wird nicht jeder den gleichen Job behalten können. Deshalb legen wir großen Wert auf die Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Ein Ingenieur, der heute Software für Verbrennungsmotoren entwickelt, kann das künftig für Elektromotoren tun. In anderen Bereichen müssen wir mehr machen. An unserem Standort in Reutlingen bieten wir beispielsweise Mitarbeitern aus der Fertigung eine Weiterbildung im Programmieren an. Bis zu 500 Mitarbeiter können das wahrnehmen. Wir werden jedoch nicht jeden Mitarbeiter so qualifizieren können."

Und was geschieht mit denjenigen, die nicht qualifiziert werden können? Darauf bietet er keine Antwort. Dass Bosch auf Weiterbildung im Allgemeinen setzt, ist verständlich, wenn die Arbeitswelt sich verändert. Kübel sieht das Leben jenseits dieser Arbeitswelt jedoch gar nicht, von dem Bosch als Unternehmen abhängig ist. Es gibt in seinen Ausführungen keine Optioin dafür, anders zu leben als durch Erwerbstätigkeit.

Und dann:

"ZEIT ONLINE: Sie sprechen von Fachkräften. Für Menschen mit schlechter Qualifikation wird es durch die Automatisierung aber schwieriger, eine Arbeit zu finden.
Kübel: Es ist gemeinsame Aufgabe unserer Gesellschaft, die Menschen für die Arbeitswelt fit zu machen. Wir konzentrieren uns dabei überwiegend auf unsere eigenen Mitarbeiter. Dabei leisten wir unseren Beitrag durch eine qualitativ hochwertige Ausbildung und Weiterbildung. Jedes Jahr stellen wir allein in Deutschland 1.500 Azubis ein und investieren weltweit 250 Millionen Euro in die Weiterbildung unserer Mitarbeiter."

Hier wird nun deutlich, dass er der Tendenz nach "von oben" denkt, so als könne "die Gesellschaft [...] Menschen [...] fit machen". Ausbildung oder Weiterbildung ist kein Trichter, in den man oben Menschen hineinsteckt, die dann unten qualifiziert herauskommen - es ist ein Bildungsprozess, der zwei Seiten hat: ein Angebot auf der einen und Bereitwilligkeit auf der anderen Seite. Das klingt trivial, kommt in Kübels Formulierung aber gerade nicht zum Ausdruck, in der die Gesellschaft wie ein Fitmachungsapparat erscheint. Und wieder wird nichts über die Bedingungen gesagt, unter denen Aus- und Weiterbildung heute erfolgen müssen, nämlich in der Abhängigkeit von Erwerbseinkommen. Aus- und Weiterbildung sind grundsätzlich auch jenseits davon möglich, sofern eine Einkommensabsicherung besteht, die heute die Ausnahme ist, mit einem BGE aber zur Regel würde. Dass genau dies die Bedingungen für Aus- und Weiterbildung, für Bildung überhaupt, grundsätzlich verändern würde, wäre eine eigene Betrachtung wert (siehe hier und hier).

Sascha Liebermann

18. Oktober 2017

"Is ‘universal basic income’ a better option than research grants?"...

...diese Frage stellt David Matthews in Times Higher Education. Siehe dazu "Kunst und Wissenschaft - und das bedingungslose Grundeinkommen" und "Nachwuchsvergessene Hochschulpolitik - und ein bedingungsloses Grundeinkommen".

Forschungsförderung erfolgt heutzutage immer befristet, meist zwischen 6 Monaten und drei Jahren. Wer keinen unbefristeten Arbeitsvertrag hat, ist im Wissenschafts- und Kunstberieb auf solche Förderungen angewiesen. Sie zu beantragen ist zeitaufwendig, ungewiss, ob man den Zuschlag erhält. Ein BGE könnte hier für eine gewaltige Entlastung sorgen, nicht nur, weil es gegen die Ungewissheiten eine Gewissheit setzt, auf die Verlaß wäre. Es erlaubt auch, die Geschäftigkeit des Wissenschaftsbetriebs zu verlassen, um gleichwohl weiterzuforschen oder sich Forschungsgruppen zu assoziieren. Voraussetzung dafür ist, dass es eine öffentlich zugängliche Infrastruktur gibt, z. B. Bibliotheken. Es gibt Forschungs- und sicher auch Kunstbereiche, in denen aufwendige Materialien oder Instrumente erforderlich sind, dazu kann das BGE wenig beitragen. Aber immerhin: die Existenz absichern. So könnte man sich den Absurditäten des heutigen Wissenschaftssytems durchaus entziehen und zugleich in kleinerem Maße weiterforschen bzw. künstlerisch tätig sein.

Sascha Liebermann


17. Oktober 2017

Sozialminister Heiner Garg (Schleswig-Holstein) zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Die Pressemitteilung in Gänze finden Sie hier, nachstehend die Passage zum BGE:


"Wir müssen klären, wie wir in Zukunft Arbeit und wie wir arbeitsfrei definieren und bewerten. Wir müssen uns dringend damit auseinandersetzen, dass die herkömmlichen Sicherungssysteme nicht oder nur unzureichend auf nicht-lineare Erwerbsbiografien der Zukunft ausgerichtet sind. Eine zukunftstaugliche soziale Sicherung muss dem Anspruch gerecht werden, unter solchen gewandelten Bedingungen Schutz vor Armut zu gewährleisten: Auch für solche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, deren bisherige Tätigkeiten zunehmend durch weitere Digitalisierung und Automatisierung substituiert werden.
Die Komplexität der Anforderungen an eine gerechte Architektur der sozialen Sicherung wird also eher noch größer. Sie wissen, dass die konzeptuelle Spannbreite theoretisch möglicher Reformen weit ist. Sie beinhaltet ein strukturelles „Weiter so“, ebenso wie verschiedene Varianten eines Bürgergeldes, eines Grundeinkommens – aber auch stärker lebensphasen-orientierter Konten-Ansätze. Dabei empfiehlt sich eine vorurteilsfreie und genaue Sicht auch auf die Details – zumal es gelegentlich nicht nur um Detail- sondern um Systemfragen geht. Dafür steht geradezu beispielhaft das viel diskutierte finnische Modell eines Grundeinkommens, das ganz dezidiert ganz sicher kein „bedingungsloses“ Einkommen ist und sein soll. In Debatte und Bewertung all dieser Modelle und Ansätze spielen ökonomische (vor allem arbeitsmarktpolitische), soziale und finanzpolitische Aspekte eine Rolle. Zugleich spiegeln der stattfindende Diskurs und die divergierenden Bewertungen aber auch eine gesellschaftliche Wertedebatte wider – geht es doch um Ansprüche an ein angemessenes Sicherungsniveau und die Neu-Justierung solidarischer Ausgleichsmechanismen. Diese Fragen gilt es, in einer ernsthaften und gründlich geführten Debatte gemeinsam mit Akteuren der (Arbeitsmarkt-) Politik, der Gesellschaft und der Wissenschaft zu erörtern, zu gewichten und zu bewerten, um Schleswig-Holstein in der bundespolitische Debatte zu positionieren. Das hat Jamaika im Koalitionsvertrag vereinbart und das setzen wir um."

Deutscher Handwerkskammertag interessiert sich für Bedingungsloses Grundeinkommen...

...diese Erfahrung habe ich kürzlich durch eine Einladung zur Herbsttagung des Deutschen Handwerkskammerstags gemacht (nicht zu verwechseln mit den Industrie- und Handelskammern). Wie ich dort erfuhr, war es nicht die erste Veranstaltung, die sich mit dem BGE beschäftige, es hatte schon zwei weitere gegeben.

16. Oktober 2017

Bessere Berechnungen, sicherere Prognosen - ein uneinlösbarer Wunsch...

...den Hubertus Porschen, Vorsitzender von "Die jungen Unternehmer", für die Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen hat. Denn all die Simulationen, wie auch Wirtschaftswissenschaftler einräumen, die man über etwaige Effekte eines BGE anstellen kann, können nicht als verlässliche Tatsachenaussagen gewertet werden. Das ist im Grunde banal, muss aber immer wieder deutlich gemacht werden. Siehe hier, hier und hier.

Robert Feiger (IG Bau) zum Bedingungslosen Grundeinkommen

In seinem Grundsatzreferat anlässlich des 22. Ordentlichen Gewerkschaftstags der IG BAU kam ihr Bundesvorsitzender Robert Feiger auf das Bedingungslose Grundeinkommen zu sprechen. Hier die entsprechende Passage:

"...Jetzt habe ich einiges gesagt zu unseren Ansprüchen an eine gerechte Sozialpolitik, zu der auch die Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung gehört. Wir werden darauf drängen, dass unsere Forderungen in den Koalitionsverhandlungen Gehör finden. Gleichzeitig erkennen wir Dynamiken, die uns selbst aufhorchen lassen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist eine davon, eine andere ist das bedingungslose Grundeinkommen.

Wir müssen und werden eine Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen führen. Ich freue mich darauf. Ich meine das ehrlich. Denn im Grunde genommen führen wir einen Diskurs darüber, wie wir Arbeit, Leben und Gerechtigkeit in Zukunft in unserer Gesellschaft gestalten wollen.

Lasst uns nicht am Ende anfangen, nämlich bei einem bestimmten Instrument. Sondern am Anfang, bei der Frage, wie wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter Zukunft gestalten wollen. Wie wir Arbeit gestalten wollen und welche Rolle Gewerkschaften haben. Wie wir gewerkschaftliche Arbeit stärken und unsere Durchsetzungskraft in Tarifkonflikten erhöhen können. Wie wir leben wollen. Und was für uns Gerechtigkeit heißt."

Luther und die Arbeit - und das Bedingungslose Grundeinkommen...

...darum ging es im Deutschlandfunk im Gespräch mit dem Basler Religionswissenschaftler Lucas Zapf. Siehe auch das Feature von Sabine Korsukewitz "Im Schweiße deines Angesichts".

13. Oktober 2017

"Rechtliche Wehr gegen Bundesagentur für Arbeit lohnt sich"...

...schreibt Katja Kipping (Die Linke) auf ihrer Website. Hier ein Auszug:

"Die Antwort (unten) auf meine schriftliche Frage an die Bundesregierung brachte es ans Tageslicht: Wie bei Hartz IV gibt es auch bei der Arbeitslosenversicherung (Sozialgesetzbuch III) massenhaft rechtswidrige Handlungen der Bundesagentur für Arbeit.

44,5 Prozent aller Widersprüche in diesem Rechtsbereich wurden im Jahr 2016 ganz oder teilweise zugunsten der Betroffenen entschieden, im Jahr 2015 waren es 43,4 Prozent. Auch bei den Klagen sieht es nicht viel anders aus: Im Jahr 2016 wurden 34,0 Prozent ganz oder teilweise zugunsten der Betroffenen entschieden bzw. endeten mit Nachgeben der Agentur für Arbeit. Im Jahr 2015 waren es 33,4 Prozent."

IWF gegenüber dem Bedingungslosen Grundeinkommen aufgeschlossen

Darüber berichteten die Basler Zeitung wie auch die Neue Zürcher Zeitung in ihren Ausgaben online am 11. Oktober und verwiesen dabei auf den Bericht "Fiscal Monitor" des Internationalen Währungsfonds (IWF). Im Bericht werden offenbar keine weiteren Ausführungen zur Gestaltungeines BGE gemacht, sodaß unklar bleibt, ob das BGE als Substitut für alle sozialstaatlichen Leistungen gedacht ist oder als Einkommenssicherung nach unten, über die hinaus es weiter bedürftigkeitsgeprüfte Leistungen gäbe.

12. Oktober 2017

Vom Verbreiten einer "urheberlosen" Umfrage und dem Umgang mit Social Media

Vor kurzem haben wir auf eine fragwürdige Umfrage hingewiesen, deren Gegenstand war, ob das Bündnis Grundeinkommen angesichts seines Abschneidens bei der Bundestagswahl sich auflösen solle. Zuerst schien der Urheber im Grünen Netzwerk Grundeinkommen zu finden zu sein, was sich nicht bestätigen ließ. Dann schien es, nach Auskunft des Archiv Grundeinkommen, als habe das Netzwerk Grundeinkommen damit etwas zu tun, da auf seiner Seite die Umfrage mit eigenem Begleittext ohne Hinweis auf einen Urheber verbreitet wurde. Mittlerweile schreibt das Netzwerk Grundeinkomen, dass es diese Umfrage nicht initiiert, sondern nur aufgegriffen habe (siehe hier). Die Plattform strawpoll kann - laut Auskunft des Netzwerks - offenbar ebensowenig Angaben darüber machen, wer die Umfrage eingerichtet hat (siehe ausführliches Zitat beim Archiv Grundeinkommen)

Welchen Schluß zieht man nun daraus? Auf jeden Fall diesen: mit dem Verbreiten von Umfragen und dergleichem, die sich keinem Urheber zuschreiben lassen, sollte sorgsam umgegangen werden. Sonst kann leicht der Eindruck enstehen, dass nicht "mit offenen Karten" gespielt und agitiert wird.

Sascha Liebermann

"Ihr Alter ist an sich ein Vermittlungshemmnis"...

...über die Realitäten der großartigen Entwicklung am Arbeitsmarkt berichtet die Süddeutsche Zeitung. Siehe auch hier und hier.